Verpasste Chance: Reisemesse Hamburg

Mit der „Reisen Hamburg“ verbinden mich vor allem Kindheitserinnerungen. Vor ungefähr 20 Jahren bin ich dort jedes Jahr durch Wohnmobile gekraxelt, habe mich hinters Steuer der neuesten Automodelle gesetzt und tütenweise Prospekte mit nach Hause geschleppt, um zusammen mit meinen Eltern in die Reiseplanung für das Jahr einzusteigen.

Gestern bin ich nach vielen Jahren wieder dort gewesen. Ich dachte, es wäre eine schöne Gelegenheit, etwas „wie früher“ mit meinem Vater zu unternehmen. In dieser Hinsicht war es ein voller Erfolg. Es war genau wie früher (außer dass ich kein Kind mehr bin). Die Zeit schien förmlich stehen geblieben zu sein in den Messehallen. Die gleichen, oft provisorisch anmutenden Messestände. Großformatige Poster von Elefanten in Afrika. Etwas Folklore und Handwerkskunst aus den jeweils ausstellenden Regionen und Ländern. Manchmal auch lokale Spezialitäten (Dänisches Softeis! Hotdogs!). Jede Menge große Reisebusse, die in die Messehallen gefahren wurden (weil es wirklich wichtig ist, dass jeder Busbetrieb noch einmal ganz speziell seinen Bus zeigt). Und Prospekte und Kataloge in unüberschaubaren Mengen. Viele Wälder müssen für diese Messe gestorben sein.

IMG_3313

Die einzigen Zeichen von „digitaler Transformation“: Der ein oder andere Flachbildschirm mit einem Video in Endlosschleife. Die „Kreuzfahrtbühne“ mit einer großen Beamer-Leinwand hinter einem historischen Steuerrad. Und die Messe-App, die ich nicht heruntergeladen habe, da mir ihr Mehrwert nicht erklärt wurde. Die Messegesellschaft trifft nur ein Teil der Schuld. Die Aussteller sind größtenteils mittelständische Reiseveranstalter und lokale Tourismusverbände, die offenbar vorhaben, ihren Dornröschenschlaf fortzusetzen oder denen es schlicht an den notwendigen Mitteln und am Know-How fehlt.

Nun schien die Messe auch gestern, an ihrem letzten Tag, durchaus gut besucht, und vielleicht bietet sie auch wirklich noch für ein paar Jahre eine Grundlage für gute Geschäfte mit der reisewilligen, vornehmlich älteren und weniger online-affinen Kundschaft. Aber es scheint absehbar, dass diese Veranstaltung verschwinden muss, nicht überleben kann in Zeiten, in denen Online-Buchungsportale, Preisvergleichs- und Bewertungsseiten den Markt überschwemmen und der komplette Informations- und Buchungsprozess digitalisiert wird.

IMG_3311

Das ist schade, denn es wäre aus meiner Sicht vermeidbar. Mehr noch als im klassischen Retail müsste hier das „Showrooming“ funktionieren. Denn die Reise wird ja sowieso nicht sofort angetreten, anders als das Kleidungsstück, das am liebsten sofort mitgenommen wird. Es geht also vor allem um Inspiration und Information, und hier könnten moderne Technologien so viel mehr leisten. Sie würden die Möglichkeit bieten, das potenzielle Reiseziel wirklich erleb- und erfahrbar zu machen und den Interessenten digital auch nach der Messe weiter informieren, beraten und schlussendlich zur Buchung führen zu können.

Doch die Gelegenheit, heute mit dem noch zahlreich vorhandenen Publikum zu lernen und zu testen, was funktioniert und was nicht, wird bisher nicht genutzt. So wird die Messe voraussichtlich noch einige Jahre weiterlaufen und dann, wenn es schon zu spät ist, wird ein (zu) radikaler Schwenk in Richtung Neue Medien versucht werden. Das wird unweigerlich schiefgehen, und so wird die Messe schließlich aus Mangel an Alternativen eingestellt werden. Doch noch ist Zeit. Hoffen wir, dass es bis zum nächsten Jahr ein Erwachen bei Veranstalter und Ausstellern gibt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s